Kirchenbote Osnabrück, 18.07.2012

Deutsch-niederländisches Theaterstück

Erinnerung an „Untertaucher”

Vom Leben der Menschen, die in der Nazizeit in den Niederlanden untertauchen mussten, erzählt ein Musical, das von deutschen und niederländischen Jugendlichen erarbeitet wurde. Aufführungsort: die Gedenkstätte Augustaschacht.

Es ist dunkel. Man hört Schritte, aufdringliches Klopfen und ein gedämpftes ,,Lasst mich rein“. Gleichzeitig nähern sich marschierende Schritte. Dann verstummt das Klopfen und die Schritte entfernen sich.
So beschreibt Ralf Siebenand vom Osnabrücker „Musiktheater Lupe“ den Anfang des Stücks ,,Untertaucher Onderduiker“. 16 deutsche und niederländische Schüler zwischen 15 und 18 Jahren haben es gemeinsam erarbeitet und am vergangenen Sonntag im Augustaschacht bei Osnabrück erstmals aufgeführt. Die Gedenkstätte war ein Arbeitserziehungslager der Gestapo, in dem Zwangsarbeiter während des Nationalsozialismus unter unmenschlichen Bedingungen inhaftiert waren. Viele Gefangene waren Niederländer.
In dem Stück, das als Musical aufgeführt wird, geht es um eine Frau, die Verfolgte bei sich zu Hause versteckt hält und von ihrer Geschichte im Nachhinein erzählt. Die jungen Darsteller haben das Stück zusammen mit den Theaterpädagogen Ralf Siebenand und Katrin Orth sowie mit dem niederländischen Videokünstler Theo van Delft entwickelt. Ein Vorbereitungswochenende fand im niederländischen Aalten statt. Dort haben sich die Jugendlichen im „Museum Markt 12“ mit dem Thema auseinandergesetzt. In dem Gebäude, in dem heute das Museum ist, haben zur Zeit des Nationalsozialismus ein NS-Kommandant, eine niederländische Familie und ein versteckter Zwangsarbeiter gelebt. Die Schwierigkeit, von dem Kommandanten nicht entdeckt zu werden, stellte eine tägliche Herausforderung dar. Diese Situation verwendeten die Jugendlichen für ihr Stück.
„Es ist wichtig, eine Entscheidung zu treffen“
Doch was hat das alles mit der heutigen Zeit zu tun? Und was waren für die damals jungen Leute und heutigen Großeltern die entscheidenden Aspekte? Damit setzten sich die Jugendlichen auseinander. ,,Das Entscheidende ist, die Entscheidung zu treffen“, meint Siebenand: Soll man jemanden untertauchen lassen, obwohl man sich damit selbst in Gefahr bringt? Mit diesem Punkt beschäftigte sich auch die Theatergruppe.
Für die Probenarbeit blieb nur eine Woche. Die Jugendlichen sollten in verschiedene Rollen schlüpfen, wie zum Beispiel in die eines Verfolgten oder eines selbstsicheren Kommandanten. Auch bei der Aufführung selbst sollten die Schüler improvisieren.
„Diese Zusammenarbeit zwischen deutschen und niederländischen Schülern ist ein Pilotprojekt, bei dem Brücken für die zukünftige Zusammenarbeit gebaut werden“, betont Michael Gander, Geschäftsführer der Gedenkstätte Augustaschacht. Mit dem Projekt werde nicht nur die deutsche, sondern ein Stück europäische Geschichte behandelt, so Gander. Das Verhältnis zwischen Deutschland und den Niederlanden sei nach dem Nationalsozialismus für lange Zeit sehr angespannt gewesen. Dankbar ist er besonders den Förderern (siehe „Zur Sache“).
Die 16-jährige Annika Richter aus Osnabrück hat in der Schule von dem Projekt gehört und sich gleich angemeldet. Obwohl es ungewohnt sei, dass das Stück in so kurzer Zeit auf die Bühne gebracht würde, ist sie über die Mitsprache und Diskussionen dankbar: ,,So ist das Stück wirklich unser Stück“, erklärt sie. Und das ist schließlich das Ziel der Musiktheaterproduktion: Es soll von Jugendlichen für Jugendliche sein. Die Kommunikation mit den niederländischen Schülern funktioniere ganz einfach und werde hauptsächlich auf Englisch geführt. ,,Wenn etwas erklärt wird, dann wird es auf Deutsch und Niederländisch gesagt“, erläutert die Schülerin. Es gebe keine Hauptrolle, da jeder mit Hilfe von Requisiten in jede Rolle schlüpfen könne und auch solle.
Als Requisiten dienten unter anderem auch Mäntel aus dem Aaltener Museum. Sie gehörten den Personen, die in dem Gebäude lebten: dem Kommandanten, der Familie und dem Untergetauchten.
Joana de la Chaux

Zur Sache
Das Theaterstück ist Teil des Kooperationsprojektes „Grenswerte“ zwischen Münsterland e.V., Kunst und Kultur Overijssel und Euregio. Es wird im Rahmen des Interreg IV A-Programms mit Mitteln des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung sowie der Wirtschaftsministerien der Länder Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen und mit Zuschüssen der Provinzen Overijssel und Gelderland kofinanziert.

Quelle: Kirchenbote Osnabrück, 12.7.2012